Was Sind Erinnerungen?

Grundsätzliche Überlegungen von Edda Schwarzkopf: Warum nehmen wir euch und Hölder mit auf diese Reise?

In meiner siebten Woche an der Universität hielt mein Professor, ein schmaler, weitgereister, geistesabwesender, belesener Mann im letzten Jahreszyklus vor seinem Ruhestand in der Grundlagenvorlesung einen Vortrag über das Gedächtnis als Gegenstand von anthropologischer Neugierde.

Er stellte folgende These auf: Die Art und Weise, wie wir unser Gedächtnis anlegen und verstehen, ist unmittelbar verknüpft mit den medialen Speichermöglichkeiten unserer Zeit. Wenn zum Beispiel Besitz- und Abstammungsverhältnisse durch Siegelabdrücke bezeugt werden, geht damit eine Vorstellung des Gedächtnisses einher, das Abdrücke speichert, die unverfälscht abgerufen werden können. Bis ins 18. Jahrhundert hielt sich diese materielle Lokalisierbarkeit: Man stellte sich das Gedächtnis wie eine Bibliothek im Gehirn vor. Entlang der Erfindung von Fotografie und Tonträgern wandelte sich dieses Bild. Fotos entstehen erst durch ihre Entwicklung auf dem Bildträger, für die Verwandlung von Rillen in Schall braucht es ein abrufbereites Grammophon. Man ging dadurch nicht mehr von einer fixen Speicherung, sondern von einer ständigen Neukonzeption, Neuerfindung des Gedächtnisses durch Momente der Erinnerung aus.

Heute helfen uns Computer bei der Verarbeitung von Daten. Dadurch stellen wir hohe Vernetzungsansprüche an Datenmaterial, das in Sekundenschnelle auf allen möglichen Ebenen mit anderen Quellen in Beziehung gesetzt werden kann. Wir stellen auch hohe Ansprüche an die Aufbereitung dieser Datenmaterialen. Sie müssen unterhaltsam sein, aber auch gesellschaftlichen Mehrwert haben, möglichst von überall erreichbar sein und dabei noch mit dem ganzen anderen Datenmaterial konkurrieren, was da draußen schon ist.

 

Das zeigt: Schon allein, was wir unter „erinnern“ verstehen, ist wandelbar und von unserer Umgebung abhängig.

„Der sich erinnernde Mensch ist niemals allein.“

(Assman 2005: 70)

 

Maurice Halbwachs schreibt: Es gibt gar keine individuellen Erinnerungen. Wenn wir davon ausgehen, dass wir uns zu jedem Zeitpunkt auf irgendeine Art in einem oder mehreren sozialen Rahmen befinden, geschehen Erinnerungen auch immer innerhalb dieser Rahmen. Teilweise passieren Erinnerungen auch nur wegen einer sozialen Situation. Sehen wir uns also immer auch an, in welchen Situationen wir uns erinnern und welche Auswirkungen das auf unsere Art des Erinnerns hat.


Auf das Musical bezogen reihen wir uns in einen langjährigen Kontext verschiedenster Institutionen, literarischer Gesellschaften, Kommunen und Städte. Das Hölderlinjahr selbst setzt sich zusammen aus einer ganzen Reihe von Veranstaltungen. Für die beteiligten Jugendlichen ist es ein Projekt, dass sie über Jahre begleitet, vielleicht durchs Abitur, durchs Studium, in die Ausbildung. Für die Band ist es eine Weiterentwicklung bisheriger Arbeiten mit bisher ungekannten Größenausmaßen. Gerade, weil wir dieses Projekt ehrenamtlich durchführen, bringt jeder seinen eigenen Rahmen mit. Und gleichzeitig ist diese dadurch neu entstandene Gruppe sich selbst ein Rahmen.


Eine weitere Hypothese meines Dozenten: In Situationen rasenden Wandels, wenn Menschen Angst vor kulturellem Vergessen haben, findet steigende Wertschätzung von vermeintlicher Vergangenheit statt. Das Kulturelle Gedächtnis einer Gruppe ist immer gleichzeitig ein Kampf um ihre Identität. Vielleicht befinden wir uns aktuell in vielen Bereichen im Wandel. Vielleicht brauchen wir auch deshalb Anlässe des Erinnerns.

 

Dafür nur ein Beispiel: Wir produzieren aktuell innerhalb kürzester Zeiträume mehr Daten, als von ganzen Jahrhunderten auffindbar ist. Häufig ist es kompliziert genug, diese Daten systematisch zu speichern. Manches geht verloren, wird gelöscht, verändert sich über die Zeit. Wie, zum Beispiel, dokumentiert man den Verlauf einer hitzigen Kommentarspalte auf Twitter? Diese Daten dann aber auch noch nach sich weiter entwickelnden Ansprüchen über lange Zeit zugänglich zu halten, ist nur unzufriedenstellend möglich. Vergisst man ein Update, ist von der ursprünglichen Datenmasse manchmal nur noch sehr wenig übrig. Was wird also von uns mal bleiben?

 

„Schreib' es auf, halt' es fest.“

Diese Zeile aus dem Musical bleibt mir seit Monaten besonders im Kopf.

 

Gerade über Hölderlin, der seine Gedanken schriftlich erstritten hat, der ein Mensch durch das Schreiben war, müssten wir doch eigentlich den Zugang über die Archive wählen. Dort sind seine Schriften im Original bewahrt und von Experten durch den komplexen Methodenkatalog der Geschichtswissenschaft erschlossen, bevor die Literaturwissenschaft eine Interpretation der Schriftstücke wagt.


Wir tun das nicht, zumindest nicht auf Expertenniveau. Wir drehen seine Schriften in unser Leben. Warum?


„Der von der Gegenwart und um der Gegenwart, des Lebens willen ausgehende Akt des Erinnerns muss die Vergangenheit verfälschen.“ (Assmann 2005: 73)


Eine Dozentin sprach in einer Vorlesung über Museumskunde von einer „Selbstreflexiven Wende“ seit dem Jahrtausendwechsel. Als Ausdruck der Unmöglichkeit, die Geschichte umzukehren und erlebbar zu machen, werden seitdem manche Antworten bewusst verweigert oder Darstellungsmöglichkeiten gefunden, die aus verschiedenen Winkeln völlig anders aussehen, vielleicht sogar verschwinden. Dadurch wird das sogenannte „Stubenprinzip“ abgelöst oder zumindest in Frage gestellt, das versucht, komplette Live-Eindrücke durch das Nachstellen von historischen Welten zu ermöglichen. Die neuen Umsetzungen sind bewusst unbefriedigend, mühsam, fordernd, vor allem für Besucher, die sich selbst mit besten Intentionen eigentlich eher berieseln lassen wollen.


Es ist uns mit diesem Musical nicht möglich, einen historisch akkuraten Hölderlin in echtem Kostüm und Gebahren in seiner Stube auf der Bühne auferstehen zu lassen. Das ist aber auch gar nicht der Anspruch. Wir bauen unsere Erinnerungen aus ganz anderen Ressourcen, die nicht einer möglichst objektiven Wiedergabe dienen. Meine persönliche Meinung: Diesen Prozess sollten wir so nachdenklich, aufmerksam und zugänglich machen, wie wir können.


Um zu erkennen, in welcher Umgebung wir uns erinnern, müssen wir jeder für uns mit offenen Augen durch unsere Welt wandeln, beobachten und dann auf Überlappungen mit anderen horchen. Das versucht diese Materialsammlung.

 

Fassen wir also zusammen:

Erinnerungen sind niemals Gucklöcher auf reale historische Geschichten. Dazwischen stellt sich eine Projektion der Erinnernden, sodass das Vergangene eingefärbt und verzerrt wird. Vielleicht blicken wir durch eine solche Projektion auf eine frühere Projektion, die auf eine frühere Projektion blickt, die dann… Aber gerade das macht den Vorgang doch so spannend. Wenn wir ohnehin nicht ungetrübt auf Ereignisse zurückgreifen können, dann dürfen wir unser Vermögen, gemeinsam zu erinnern, einsetzen, um uns selbst an Hölder zu spiegeln.

War euch das zu vage? Zu theoretisch? Zu sprunghaft? Bitte, arbeitet mit diesen Gedanken, hinterfragt sie, fotografiert/zeichnet/tanzt sie, baut sie durch euren eigenen Blick auf die Welt aus.


Dafür machen wir dieses Projekt.

Quellen/Wer mehr lesen möchte:


Assmann, Jan (2005): Das kollektive Gedächtnis zwischen Körper und Schrift. Zur Gedächtnistheorie von Maurice Halbwachs.

 

Blom, Ina/Lundemo, Trond/Rossaak, Eivind (2017): Memory in Motion. Archives, Technology, and the Social.

(Achtung, der Link führt direkt zum Download des Textes als PDF.)